KI kann Schule gerechter machen – wenn wir sie klug und früh einsetzen. Der Beitrag zeigt, wie digitale Teilhabe gelingt, warum „Diklusion“ neue Chancen eröffnet und wie KI Kindern mit besonderen Bedarfen neue Lernwege öffnet.
Was KI für den diklusiven Unterricht bedeuten kann: Dr. Lea Schulz ist Expertin zum Thema „Diklusion“ – der Schnittmenge zwischen digitalen Medien und Inklusion. Sie ist Educational Engineer an der Europa-Universität Flensburg zur Lehr- und Lernforschung im Bereich Diklusion im Kontext des Landesprojekts „Zukunft Schule im digitalen Zeitalter“. Für unser Projekt „KI-Strategie für Schulen in evangelischer Trägerschaft“ stellt sie die vielen Chancen, aber auch Herausforderungen von KI als Motor für Inklusion an Schulen vor.
Früh übt sich: KI von Anfang an
KI-Systeme umgeben uns, sind längst Teil unseres Alltags. Daher kommen Kinder bis zum Grundschulalter an verschiedenen Stellen mit KI-Systemen in Kontakt. Die Voraussetzung für einen gelingenden Umgang dabei ist eine möglichst frühzeitige, begleitete Nutzung. Die klare Empfehlung von Lea Schulz dazu ist: „KI von Anfang an: durchdacht und pädagogisch begleitet, am besten schon im Kita-Alter! Denn sonst haben wir das Phänomen, dass Kinder im Schulalter Fakenews nicht erkennen und überfordert sind.“
Ihre Forderung nach mehr digitaler Teilhabe und gleichberechtigtem Zugang zu Technologie sind berechtigt, wie zwei aktuelle Studien zeigen. Laut Daepp & Counts ist Bildung der stärkste Prädikator für die ChatGPT-Nutzung in den USA (vgl. Daepp & Counts, 2024). Gleichzeitig nutzen höher gebildete Personen KI häufiger als weniger gebildete (vgl. Kacperski et al., 2023). Da die digitale Teilhabe schon jetzt auf mehreren Ebenen sozial ungleich verteilt ist, brauchen unter anderem ein medienpädagogisch ausgerichtetes Bildungsverständnis als Grundlage – und zwar von Anfang an.
Diklusion: Wo digitale Innovation auf Bildungsgerechtigkeit trifft
Diklusion beschreibt die Schnittmenge digitaler Medien und Inklusion – welche Chancen bieten also Sprachmodelle oder KIs für diesen Bereich? Unsere Wunschvorstellung ist ganz klar: KI für Alle! Dass es ganz so (noch) nicht ist, zeigen unter anderem Beispiele von Schüler*innen mit besonderen pädagogischen Förderbedarfen. Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel nicht schreiben oder nicht deutlich sprechen können, haben de facto keinen technischen Zugang. Hier sucht Lea Schulz mit ihrem Team auf verschiedenen Ebenen nach Lösungen.
Digital-inklusiver Unterricht: Lernen neu gedacht
Denken wir an Künstliche Intelligenz für Schüler*innen mit besonderen Bedarfen, kommen uns als Erstes Stichworte wie Sprach- oder Augensteuerung in den Sinn. Doch neben der Funktion als Assistenzsystem bringt KI auch ganz neue, kreative Prozesse für die Inklusion mit in die Schule. Eine Chance also, Schule und Inklusion an vielen Stellen anders zu denken: Das kooperative, kollaborative Lernen steht im Vordergrund.
Assistenzsysteme, die Türen öffnen

Mit KI-Assistenzsystemen beteiligen sich auch Schüler*innen im Unterricht, die sich vorher nicht getraut hätten.
Kann ich Schüler*innen mit mithilfe von KI eine neue Lernperspektive eröffnen? Klares Signal von Schulz:“ Ja! Wir haben Kinder und Jugendliche erfolgreich mit Schul-KIs im Bereich der Textarbeit geschult. Es geht darum, Schüler*innen selbst zu befähigen, sich Texte mithilfe von KI nutzbar zu machen“, so Schulz. Erfolgreich, denn Schüler*innen, die ohne KI nicht mit schwierigeren Textniveaus (C2) arbeiten könnten, entwickeln mit KI richtige Workflows. Die KI hilft ihnen, Texte zu vereinfachen, zu kürzen, Wörter zu erklären oder Beispiele zu finden.
Aber nicht nur das, interessant ist die „Textknacker“-Methode 2.0: Ein Fobizz-Assistent wurde so gestaltet, dass er nicht antwortet, sondern selbst fragt. Der Bot begibt sich so in Interaktion mit den Schüler*innen und führt sie durch einen Text. Da er auch vorlesen kann, eignet sich der Assistent ebenso für Kinder, die nicht lesen können.
Die Vorteile dieser Assistenten liegen auf der Hand: Es beteiligen sich auch Schüler*innen im Unterricht, die sich vorher nicht getraut hätten…
Mehr Zeit fürs Wesentliche: Lehren mit KI
Lehren mit Medien bedeutet für die Lehrkraft vor allem: Ich als Lehrende habe (endlich) ausreichend Ressourcen, um mich gut vorzubereiten. Sprachmodelle, schnelle Anpassung von Lernmaterialien, Text to speech and return – genau hier liegt das größte Potenzial für inklusive Bildung rund um das Thema Künstliche Intelligenz. Die Beispiele sind vielfältig: Lehrkräfte können mithilfe von KI Texte zugänglicher machen (Stichpunkt Einfache Sprache) oder Lesetexte für die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen erstellen. So setzen Lehrkräfte an Berufsbildenden Schule beispielsweise ChatGPT für einen sprachsensibleren Unterricht ein.
Idealerweise hilft die KI dabei, diagnostische Informationen zu erheben, passgenaue Lern- und Entwicklungsaufgaben zu definieren und zielgerichtetes Feedback zu geben. Das alles aber mit Prüfschleifen durch die Lehrkraft, die weiterhin die Verantwortung für den Lernprozess trägt.
Fazit: Selbstbestimmung lernen in einer KI-Welt
Alle Kinder und Jugendliche brauchen das Empowerment, einen reflexiven Umgang mit KIs zu erlernen. Das erreichen wir als Gesellschaft nur, wenn wir frühzeitig damit beginnen. Bei Menschen mit sprachlichen und/oder kognitiven Beeinträchtigungen ist dieser Punkt noch wichtiger, denn sie ordnen ihre eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten unter denen der KI ein.

