Was bleibt vom Menschen, wenn KI immer mehr kann? Unser neues Schulentwicklungsprogramm „AI-Literacy“ zur KI-Kompetenz an evangelischen Schulen ist letzte Woche erfolgreich gestartet. Projektleiter Tobias Jarzombek-Guth ist in einem Interview mit evangelisch.de aktuellen Fragestellungen zu dem Thema auf den Grund gegangen.
evangelisch.de: Was ist eigentlich evangelisch am Umgang mit Künstlicher Intelligenz?
Tobias Jarzombek-Guth: Es gibt aus meiner Sicht zwar keinen spezifisch evangelischen Umgang mit KI – wohl aber eine Verantwortung, die sich aus unserem evangelischen Bildungsverständnis ableitet. Eine evangelische Schule kämpft mit denselben Fragen wie jede andere: Welches KI-System dürfen wir im Klassenzimmer nutzen? Wie können wir Prüfungsleistungen unter dem Eindruck von KI bewerten? Wie gehen wir verantwortungsvoll mit Daten um? Welche Idee von Bildung entwickeln wir, wenn sämtliches Wissen nur einen Klick oder ein Wischen entfernt ist?
Es gibt also keine typisch evangelische Bedienungsanleitung für ChatGPT oder andere Produkte der GenKI. Aber es gibt Grundüberzeugungen in einem evangelischen Bildungsbegriff, die quer zu derjenigen Optimierungslogik verlaufen, die eine KI-Logik ausmacht: Der Wert eines Menschen hängt nicht an seiner Leistung oder seiner Fähigkeit zur Performance. Wir sind als Menschen in unserer Einzigartigkeit von Gott in diese Welt gestellt worden und sind mit all unseren Fähigkeiten, unseren Schwächen, Stärken, Fehlern und Unzulänglichkeiten gewollt und angenommen. Viele dieser Begriffe stehen in einem fundamentalen Gegensatz zu einer GenKI, die sich primär nach der Mitte ausrichtet, die glättet und gefallen will. Von jeher bedeutet Evangelisch-sein auch, dass wir Machtstrukturen hinterfragen, dass wir eine eigene Urteilskraft vor dem Hintergrund eines christlich-ethischen Weltverstehens entwickeln, Quellenkritik üben und uns für eine Gesellschaft engagieren, die jede*n so annimmt, wie er/sie ist.
Wir sind als Christen auch dazu aufgefordert, den quasi-religiösen Zuschreibungen, die die KI umgeben, eine Geistesvorstellung entgegenzustellen, die seit Jahrhunderten unsere Kultur prägt und dabei die tiefsten menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.
evangelisch.de: Brauchen Lehrkräfte an evangelischen Schulen eine andere KI-Kompetenz als Lehrkräfte an staatlichen Schulen?

Tobias Jarzombek-Guth ist Projektleiter unseres Vorhabens „AI-Literacy für Kollegien an evangelischen Schulen“, das wir 2026/27 zusammen mit 15 Schulen aus 9 Landeskirchen durchführen.
Tobias Jarzombek-Guth: Per se brauchen Lehrkräfte an evangelischen Schulen keine andere KI-Kompetenz, aber sie haben die große Chance, sich bei der Beschäftigung mit KI an ihren eigenen Leitbildern auszurichten und damit eine besonders kritische und zugleich tief menschlich begründete KI-Kompetenz zu entwickeln. Der fachliche Kern ist überall gleich, denn auch evangelische Schulen arbeiten z.B. mit dem AILit-Framework von OECD und Europäischer Kommission. Die darin benannten Kompetenzbereiche, mit KI bewusst umgehen, KI kreativ anwenden, KI gezielt einsetzen und KI aktiv mitgestalten, finden möglicherweise ebenso in einer evangelischen Grundschule in Thüringen, als auch an einem staatlichen Gymnasium in Bayern oder einer katholischen Berufsfachschule in Nordrhein-Westfalen Anwendung. Von evangelischen Schulen erhoffen wir, dass sie vorangehen, dass sie innovativ und kreativ-konstruktiv auf die Herausforderungen durch GenKI blicken und sich nicht darauf zurückziehen, dass übergeordnete Institutionen schon etwas vorgeben werden.
Unser Selbstverständnis als evangelische Bildungseinrichtungen kann dazu beitragen, mit den vielfältigen Herausforderungen, die auf unsere Gesellschaft im Zeitalter der Digitalität zukommen, aktiv umzugehen und frei nach dem Schulentwicklungsforscher Hans-Günther Rolff in unseren Schulen „Kapazitäten für Entwicklung zu schaffen, die die Bewältigung vieler Zukünfte und wandernder Ziele ermöglicht.“ Wir haben in dieser Frage einen Startvorteil, denn wir verfügen bereits über ein Vokabular, das Antworten geben kann, wenn aktuell überall sinngemäß gefragt wird: Was bleibt vom Menschen, wenn wir überall KI einsetzen können? Im Rahmen eines 2-jährigen Schulentwicklungsvorhabens entwickeln wir daher mit 15 Schulen aus ganz Deutschland einen Online-Kurs zur „AI-Literacy für Kollegien an evangelischen Schulen„. Drei Hochschulvertreter*innen und eine Forschungseinrichtung begleiten mit uns diesen Prozess.
evangelisch.de: Welches Menschenbild steckt hinter Künstlicher Intelligenz? Wo gerät es aus evangelischer Sicht in Konflikt mit dem christlichen Menschenbild?
Tobias Jarzombek-Guth: Ich denke, man muss hier zwei Ebenen trennen: Die Technik selbst hat kein Menschenbild, sie verfügt über kein Bewusstsein (jedenfalls keines, das mit unserem Begriff des menschlichen Bewusstseins vergleichbar wäre) und keine innere Selbstrepräsentanz. Aber hinter den Entscheidungen ihrer Hersteller steht ein Menschenbild – und die Erzählungen um sie herum machen dies unverhohlen deutlich. In der Technik steckt so etwas wie eine statistische Anthropologie, denn ein Sprachmodell (als Erscheinungsform von KI) rechnet mit Wahrscheinlichkeiten und bildet eine Mitte ab, die sich aus der statistischen Häufigkeit errechnet – selbst wenn es diese Mitte eigentlich nicht gibt. Niemand ist genau die Mitte von allem, sondern immer in einem gewissen Abstand zur Mitte zu verorten. Der problematische Effekt findet sich an den Rändern, denn was in den Trainingsdaten der KI nur selten vorkommt, hat weniger Gewicht – nicht nur metaphorisch, sondern auch in der technischen Funktion des Sprachmodells, das die einzelnen Token (Text- oder Wortfragmente) gewichtet und entsprechend häufig, selten oder nahezu nie verwendet. Übersetzt heißt das: Der Mensch erscheint als das, was von ihm häufig genug dokumentiert wurde. Das Besondere, das Randständige, das Widersprüchliche, das Einzigartige fällt heraus und verschwindet so.
Für die Gestaltung von Lernprozessen könnte man sagen, dass jeder Mensch, der der KI erstmals „gegenübertritt“ für die KI eine „0“ ist, die zur „1“ werden soll, indem z.B. ein Lernziel X erreicht wird, das die KI als statistisch logisch interpretiert. Aus einer evangelischen Perspektive gibt es diese“0″ nicht, denn in jedem Mensch ist alles Potential bereits angelegt und er ist damit bereits ein „1“. Das Lernziel wird vor dem Hintergrund der „1“ individuell abgeleitet und ergänzt die „1“ um diesen neuen Entwicklungsschritt, durch den dann eine neue „1“ entsteht.
In den Erzählungen rund um die Macher hinter der GenKI steckt etwas noch Weitreichenderes, was gemeinhin als ein transhumanistisches Weltbild beschrieben wird: Sterblichkeit, Fehlerhaftigkeit oder Verletzlichkeit werden als Mängel behandelt, die man technisch beheben können muss. Das ist ein zentraler Konflikt, denn das christliche Menschenbild versteht Endlichkeit nicht als Defekt, sondern als Bestandteil eines gelingenden Lebens. Und es kennt Würde als etwas, das nicht von Funktionsfähigkeit abhängt. Beides ist mit einer Optimierungserzählung aus der Welt der KI-Techkonzerne nicht vereinbar.
evangelisch.de: KI kann Texte schreiben, Wissen vermitteln und persönliche Gespräche führen. Was sollte Aufgabe eines Menschen bleiben?

Projektpartner*innen sind zum Beispiel die TU Dresden oder das Educational Technology Lab beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).
Tobias Jarzombek-Guth: Ich würde nicht fragen, was bleiben soll bzw. was wir bereit sind, abzugeben, sondern „Was wollen wir nicht abgeben, auch wenn die Maschine es könnte?“ Mir fallen dazu drei zentrale Begriffe ein:
- Das Urteilen als Ausdruck individueller Verantwortung. Ein KI-System kann einen Text, etwa eine Empfehlung erzeugen, es kann aber nicht dafür „geradestehen“ oder am Ende zur Rechenschaft gezogen werden. Auch Fragen nach der Urheberschaft sind (noch) uneindeutig zu beantworten. Wer im Schulkontext einen Teil der Notengebung, einer Förderentscheidung, eine Empfehlung an Eltern o.ä. an ein Modell delegiert, delegiert die Verantwortung und Rechenschaft mit — und niemand nimmt sie entgegen. Der EU-AI-Act hat daher aus gutem Grund einen risikobasierten Ansatz für die Bewertung eines KI-Einsatzes gewählt und formuliert für den Bildungsbereich entsprechende Einschränkungen. Hier darf und soll also die Verantwortung beim Menschen verbleiben.
- Die Gestaltung von Beziehungen und die Herstellung von Resonanzen: Hierbei geht es nicht um einen Informationsaustausch, denn den kann eine Maschine bestens simulieren. Es geht vielmehr um die direkte Erfahrung und das bewusste Erleben, von einem anderen als Mensch gesehen zu werden. Martin Buber formuliert dazu zwei sehr schöne Sätze: „Der Mensch wird am Du zum Ich“ und „Alles wirkliche Leben ist Begegnung„. Damit ist auch eine zentrale Gelingensbedingung für pädagogische Interventionen (oder Unterrichtssituationen) beschrieben. Ohne die Verbindung mit und die Ausrichtung an einem Gegenüber fehlt eine entscheidende Qualität, um Entwicklung zu ermöglichen. Das kann auch riskant sein und beinhaltet die Möglichkeit des Scheiterns, und auch hier liegt ein Unterschied, denn ein KI-Modell riskiert nichts.
- Das Aushalten von Nichtwissen. Generative KI ist darauf trainiert, zügig zu geschlossenen Antworten zu kommen und so lange zu suchen, bis sie eine wahrscheinliche Antwort gefunden hat. Bildung, die den ganzen Menschen ins Zentrum stellt, lebt auch vom Gegenteil: vom Infragestellen, vom Zweifeln, vom Suchen, von vorläufigen Antworten. Solche Sinnfragen gehören zum Kanon der menschlichen Herausforderungen, auf die Religionen Antworten geben können und die Menschen individuell stellen und beantworten können.
evangelisch.de: Sie beschäftigen sich in Ihrem Projekt mit „KI und Machtfragen“. Wer gewinnt durch KI an Macht, und wer verliert sie?
Tobias Jarzombek-Guth: Auf der Makroebene ist die Antwort leider unangenehm klar. Macht gewinnt, wer die Infrastruktur besitzt: Rechenzentren, Computing, Data und Kapital. Es sind nur einige wenige Unternehmen auf der Welt, die diese Infrastruktur unter sich aufteilen und dabei kaum durch demokratisch legitimierte Kontrollinstanzen überwacht werden. Karen Hao beschreibt das in Empire of AI als imperiale Struktur, Kate Crawford zeigt in Atlas of AI, dass KI eine extraktive Industrie ist — mit Minen, Wasserverbrauch und Arbeitsbedingungen, die wir im globalen Norden oft nicht sehen. Verlierer sind die Menschen des globalen Südens und alle, deren Lebenschancen künftig von Systemen sortiert werden, die sie selbst nicht einsehen können. Bis dahin arbeiten sie als „Clickworker“ für die großen Techkonzerne, die sich im schlimmsten Falle nicht mit der Politik verbinden. Für uns als evangelische Schulen ist das keine zu akzeptierende Fußnote: Schöpfungsverantwortung und globale Gerechtigkeit stehen in unseren Leitbildern und wir können daher nicht so tun, als wären unsere Prompts folgenlos.
evangelisch.de: Viele Lehrkräfte erleben KI zunächst ganz praktisch: Schüler*innen lassen ChatGPT ihre Hausaufgaben schreiben. Was sagen Sie zu dieser Debatte?
Tobias Jarzombek-Guth: Die Nutzung von KI im Rahmen von Hausaufgaben oder spezifischen Prüfungsleistungen ist beobachtbar und daher eine berechtigte Sorge und Herausforderung. Aber aus meiner Sicht reicht es nicht aus, das Problem dadurch zu charakterisieren, dass Schüler*innen sich regelwidrig verhalten. Die Debatte legt vielmehr etwas offen, das schon vorher da war und mit dem wir in den Schulen lange einfach gelebt haben: Ein großer Teil dessen, was unter dem Schlagwort „Hausaufgabe“ subsummiert wird, ist eine reine Produktkontrolle. Lehrkräfte sammeln Ergebnisse ein und schließen durch das Produkt auf einen Entstehungsprozess, den sie aber nie gesehen haben. Dieser Rückschluss funktioniert heute nicht mehr. Ehrlicherweise funktionierte er auch früher schon nicht, denn „Eltern-GPT“ gab es schon vor dem 30.11.2022 und wer über die entsprechenden Mittel verfügt, konnte sich schon immer durch Nachhilfe oder andere Unterstützungen einen „Wettbewerbsvorteil einkaufen“.
Wir haben es also weniger mit einer Krise durch das Schummeln von Schüler*innen, als vielmehr mit einer Krise der Aufgabenformate zu tun. Aufgaben müssen heute KI-resistent konstruiert werden und darauf ausgerichtet sein, Prozesse sichtbar zu machen. Die Verstärkung mündlicher Anteile, der begleitende Blick auf das gewünschte Ziel (Feedforward statt Feedback) und die Aktivierung der Interessen der Lernenden sind Merkmale, die ein neues Lern- und Prüfungsverständnis konstituieren und gleichzeitig die Sorgen vor Begriffen wie Cognitive Offloading (wir lagern Denkprozesse an KI oder andere Systeme aus) und Deskilling (wir verlieren grundlegende Fähigkeiten) nehmen können. Zu diesem Wandel von einer summativen zu einer formativen Prüfungskultur arbeitet z.B. das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur.
Am besten gestalten wir diesen Wandel mit den Schüler*innen gemeinsam und gehen auf die Suche nach neuen Aufgabenformaten, die verschiedene Ansprüche erfüllen: Lebensweltbezug, Funktionsklarheit, akademische Herausforderung, Prozesssichtbarkeit, Einforderung von individueller Verantwortung, bewusster Einsatz von bzw. bewusster Verzicht auf KI und Transparenz in der Nutzung von Hilfsmitteln.
evangelisch.de: Sie entwickeln den Kurs gemeinsam mit 15 Schulen. Was haben Sie dabei über den Umgang von Lehrer*innen mit KI gelernt, das Sie überrascht hat?
Tobias Jarzombek-Guth: Da wir mit dem Projekt gerade starten, kann ich noch nicht von echten Überraschungen berichten. Aber in den Vorgesprächen mit den Schulen zeigen sich verschiedene Muster:
- Die meisten Schule beschreiben die bekannte „Bleistiftmetapher“ so oder so ähnlich: Es gibt eine kleinere Gruppe an der Spitze, die gerne etwas Neues ausprobieren möchte und als Early-Adopters vorangehen, es gibt einen großen und stabilen Mittelteil, der interessiert-abwartend ist und eine kleinere Gruppe, die lieber gewohnte Strukturen beibehalten möchte oder sogar einen Teil der neuen Ideen ausradieren möchte.
- Die Trennlinie zwischen den engagierten und den nicht-engagierten Kolleg*innen verläuft nicht unbedingt zwischen technikaffinen und technikfernen Lehrkräften, sondern dort, wo der/die Einzelne schon einmal einen Moment hatten, in dem KI ihr berufliches Selbstverständnis berührt hat, und denen, die das noch nicht hatten. Die eigene Betroffenheit öffnet also die Tür für Veränderung oder hält sie geschlossen.
- Schulen nutzen KI schon jetzt mehr, als dass sie über sie systematisch reden. Viele Lehrkräfte arbeiten längst mit KI, nur eben still und für sich. Diese Heimlichkeit, oder Schatten-KI, ist das eigentliche Problem, denn sie verhindert, dass ein Kollegium gemeinsam lernt. Was oftmals fehlt, ist also nicht die spezifische Kompetenz, sondern die Erlaubnis und ein Ort des Ausprobierens.
- Der Wunsch nach allgemeinen und verbindlichen Regeln ist ebenso deutlich wie der Wunsch nach Tool-Kompetenzen.
- Viele Schulen haben schon erste Strukturen eingerichtet und Verantwortlichkeiten geklärt, um auf die Herausforderung durch KI an ihrer Schule zu reagieren. Dabei bauen sie aber oft noch auf Erfahrungen aus der Vergangenheit auf und müssen echte Innnovationen noch vorbereiten.
evangelisch.de: Stellen wir uns eine evangelische Schule im Jahr 2030 vor, die KI selbstverständlich nutzt. Woran würde man erkennen, dass diese Schule mit KI tatsächlich anders umgeht als andere Schulen?
Tobias Jarzombek-Guth: Ich kann mir vorstellen, dass eine KI-kompetente evangelische Schule an folgenden Elementen erkennbar wird: Schüler*innen und Lehrer*innen sind gemeinsam im Gespräch über die Bedeutung und die Auswirkungen von KI auf ihre Lebenswelten. Die jungen Menschen können erklären, wann sie ein KI-System benutzen und wann nicht. Sie bewerten Antworten nicht nur inhaltlich, sondern fragen auch danach, wer sie erzeugt hat und was dabei nicht berücksichtigt worden ist. Diese Haltung und Kompetenz sind nach außen transparent kommuniziert und die Schule wird als ein Ort wahrgenommen, der diese Erwartungen verlässlich einlöst.
Die didaktische Architektur von Unterricht hat sich grundlegend geändert. An vielen Stellen des Schultages lösen freie Zeitfenster einen starren Rhythmus von Lerneinheiten auf, in denen Schüler*innen mit individuellen Tutorsystemen arbeiten, in denen sie kollaborativ Herausforderungen lösen oder eigene Projektideen verfolgen. In Maker-Space-Formaten entstehen Experimentierfelder. Schulen entwickeln eigene Curricula, die die KI-Kompetenzen beständig fördern und weiterentwickeln.
Gleichzeitig sind Räume und Zeiten der Begegnung und der Glaubenspraxis gestärkt worden. Hier wird bewusst Wert auf Weltvorstellungen und Zwischenmenschlichkeit gelegt, damit ein Beziehungsfundament auch in allen anderen Bereichen des schulischen Lebens spürbar wird. Möglicherweise sind Erzählungen und Rituale, die uns als evangelischen Christen wichtig sind, transformiert worden, sodass sie auch in einer Lebenswirklichkeit, die stark durch GenKI geprägt ist, erlebbar bleiben und Menschen Zugänge zum Miteinander und zur Gestaltung der eigenen Welt ermöglichen. Ebenso sind musisch-kreative, natur- und körperbezogene Lern- und Erfahrungsfelder mehr in den Fokus gerückt, um einen Ausgleich zu den Technikräumen zu schaffen. Diese Räume, die bewusst vom KI-Einsatz freigehalten werden, sind inhaltlich begründet und kein Ausdruck von Kulturpessimismus.
Die Lehrkräfte können Fortbildungsangebote wahrnehmen, die auf einer eigenen KI-Strategie der Schule und den daraus resultierenden Policies aufbauen und dadurch die einzelne Lehrkraft, aber auch das gesamte System weiterentwickeln. Lizenzen und Tools sind vorhanden, sodass alle Lehrenden und Lernenden Zugriffe haben und kein Einsatz von „Schatten-KI“ notwendig ist. Prüfungen sind zu Teilen in neue Formate überführt worden, die mehr Wert auf den Prozess leben und weniger auf ein isoliertes Schlussprodukt.
Evangelische Schulen verstehen sich weiterhin – und durch die Potentiale von GenKI nochmals verstärkt – als Orte eines inklusiven Lernens, die allen Menschen offenstehen und ihnen Lern- und Entwicklungsangebote machen. Außerdem sind evangelische Schulen zu eigenständigen Stakeholdern in einem Transfer aus Bildungspraxis, Wissenschaft und Arbeitswelt geworden. Sie haben eine eigene Stimme im KI-Bildungsdiskurs entwickelt, die Menschlichkeit nicht im Kontrast zur Technik definiert, sondern aus sich selbst heraus begründet und damit auch Widerstand anbietet, wo er notwendig erscheint.
Text: Katrin von Bechtolsheim, evangelisch.de
