Warnschild Gefahr: Sinkender Schlamm an einem Holzpfahl oberhalb eines Strandes.

Zwei Veranstaltungen, viele Fragen, neue Perspektiven und ein gemeinsamer Aufbruch: Das Projekt „AI-Literacy für Kollegien an evangelischen Schulen“ ist Mitte September mit dem Kick-off für Teams aus 15 evangelischen Schulen in ein intensives Schuljahr gestartet.

Gemeinsam unterwegs auf unsicherem Boden

Der Abend des Kickoffs unseres neuen Projekts „AI-Literacy“ stand ganz im Zeichen des Kennenlernens. Die Teilnehmenden stellten sich und ihre Schulen vor und tauschten sich über ihre Erfahrungen und Erwartungen aus: Wo stehen wir heute im Umgang mit KI? Wo wollen wir in einem Jahr stehen? Und nicht zuletzt: Wer ist eigentlich mit mir auf dem Weg?

Jedem Schulteam wurde ein Tandemteam zur Seite gestellt. Die Idee dahinter: voneinander und miteinander lernen, Erfahrungen teilen und neue Perspektiven gewinnen. Denn wenn Schulen unterschiedlicher Schularten, Bundesländer und Träger zusammenkommen, treffen unterschiedliche Voraussetzungen und Fragestellungen aufeinander. Genau darin liegt eine Chance für die gemeinsame Arbeit.

Treibsand: Der feste Boden fehlt

Ein Bild blieb besonders hängen: Viele Lehrkräfte, Schulleitungen und Träger erleben den Umgang mit KI in der Schule derzeit wie einen Gang über Treibsand. Die Entwicklungen sind rasant, die rechtlichen Rahmenbedingungen unübersichtlich, und Schüler*innen bringen mitunter ganz andere Nutzungserfahrungen mit als die Erwachsenen. Hinzu kommen offene Fragen zu den technischen Hintergründen und zu den Möglichkeiten und Grenzen der Systeme. Wo also festen Boden finden?

Vielleicht beginnt die Antwort schon mit einer wichtigen Erkenntnis: Wir müssen uns nicht allein durch den Treibsand tasten. Anderen geht es ähnlich. Der Austausch über Schulgrenzen hinweg kann helfen, Unsicherheiten einzuordnen und tragfähige Orientierung zu entwickeln.

Von der Geschichte der KI zu den „stochastischen Papageien“

Schon eine Woche nach dem Kickoff wurde der Boden ein wenig fester, es begann die inhaltliche Arbeit. Prof. Rainer Mühlhoff (Universität Osnabrück) gestaltete die erste von insgesamt sechs Werkstätten unter dem Titel „KI und die Logik der Technik“. In drei Stunden führte Rainer Mühlhoff die Teilnehmenden von der Geschichte der Künstlichen Intelligenz über Beispiele aus unserem Alltag bis hin zur grundlegenden Funktionsweise der Technik. Dabei ging es nicht nur darum, was KI kann, sondern auch darum, wie ihre Ergebnisse zustande kommen und was das für unseren Umgang mit ihnen bedeutet.

Generative KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten: Sprachmodelle berechnen, welche Wortfolgen auf Grundlage ihrer Trainingsdaten wahrscheinlich sind. Überzeugend klingende Antworten sind deshalb nicht automatisch richtig. Das Bild der „stochastischen Papageien“, geprägt von Emily M. Bender und ihren Mitautor*innen, bringt eine zentrale Grenze auf den Punkt: Sprachmodelle können überzeugend klingende Texte erzeugen, ohne dass daraus bereits ein verlässliches Verständnis der Inhalte folgt. Für die schulische Praxis ist diese Unterscheidung entscheidend. Denn eine sprachlich überzeugende Antwort ist noch kein Beleg für sachliche Richtigkeit, pädagogische Angemessenheit oder eine nachvollziehbare Begründung oder gar Bewertung.

Fünf Fragen für einen reflektierten KI-Einsatz

Um mögliche Einsatzgebiete kritisch zu prüfen, helfen fünf Leitfragen, die Rainer Mühlhoff den Schulen vorstellte:

  1. Aufgabe und Wirkung: Was soll das System leisten, und welchem Zweck dient sein Einsatz?
  2. Delegation: Was geben wir an die KI ab – etwa Ausführung, Bewertung oder die Planung weiterer Schritte?
  3. Wissensbasis: Auf welche Daten, Kriterien und Annahmen stützt sich das Ergebnis?
  4. Betroffenheit: Wer trägt die Folgen möglicher Fehler, und welche Möglichkeiten zum Widerspruch gibt es?
  5. Prüfbarkeit und Verantwortung: Wie erkennen wir Fehler und Verzerrungen, und wer kann die Ergebnisse überprüfen und begründen?

Die Fragen liefern keine fertigen Antworten. Sie helfen vielmehr, KI-Anwendungen nicht nur nach ihrer technischen Leistungsfähigkeit, sondern auch nach ihrer pädagogischen Sinnhaftigkeit und Verantwortbarkeit zu beurteilen.

Vom Verstehen zum pädagogischen Handeln

Die erste Werkstatt unseres Projekts „AI-Literacy für Kollegien an evangelischen Schulen“ hat wichtige Orientierungspunkte geschaffen. In der zweiten Werkstatt Mitte November geht es unter dem Titel „KI und pädagogisches Handeln“ um die nächste Perspektive: Wie verändert KI unseren Blick auf Schule und ihren Bildungsauftrag? Gemeinsam mit Prof. Dr. Birte Platow (TU Dresden) und Prof. Dr. Ralf Koerrenz (Universität Jena) werden die Teilnehmenden diese Fragen mit Blick auf ihre eigene Schulpraxis weiterdenken.

Der Weg aus dem Treibsand ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber die ersten Orientierungspunkte sind gesetzt – und niemand muss sich allein auf die Suche nach festem Boden machen.

 

Universität Osnabrück: Gut studieren und leben!: Uni Osnabrück

Technische Universität Dresden — TU Dresden

Friedrich-Schiller-Universität Jena | Uni Jena

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