Keine Stunden- und Lehrpläne, keinerlei Noten und das ganz vollkommen jahrgangsübergreifend: Das ist das Konzept der Grundschule Op de Host.

Die Grundschule Op de Host ist eine Schule, die den Inklusionsgedanken auf eine ganz besondere und engagierte Art und Weise umsetzt. Sie ist eine Schule für alle Begabungen, die jedes Kind mit individualisiertem Lernen in jahrgangsübergreifenden Klassen willkommen heißt. Frau Aenne Thurau, Schulleiterin der Schule Op de Host, hat uns ihre Schule und das Konzept, das dahintersteht, auf unserem Netzwerktreffen „Inklusive Schul- und Unterrichtsentwicklung“ Mitte Juni 2022 vorgestellt. Wir waren so begeistert und inspiriert, dass wir das Schulporträt dieser Schule auf diese Weise allen evangelischen Schulen zur Verfügung stellen möchten. Als Inspiration und Beispiel für inklusive Unterrichtsgestaltung, das zu Diskussionen einladen soll.

Auf einen Blick

Das Leitbild der Grundschule Op de Host

Das sind wir, wir sind bunt! Die Grundschule Op de Host lebt ihr inklusives Leitbild und setzt es konsequent um.

Die Grundschule, die von knapp 200 Kindern besucht wird, liegt in der Gemeinde Horst in Schleswig-Holstein und ist eine staatliche Grundschule. Horst hat knapp 6.000 Einwohner und es gibt 5 Umlandgemeinden. Etliche Kinder kommen von außerhalb und besuchen die Schule wegen ihres Konzepts. In den konsequent jahrgangsübergreifenden Klassen lernen Kinder der Klassenstufen 1 bis 4; in Deutsch und Mathematik arbeitet jedes Kind nach seinem eigenen Tempo. Alle Klassen sind gleich ausgestattet, alle benötigten Materialien finden sich in jedem Klassenraum. Der handlungsorientierte Bereich des Fachunterrichts ist epochal gebündelt: Jede Klasse bearbeitet im Wechsel das gleiche Thema. Zwischen den Jahren ändern sich die Themen entsprechend einem vierjährigen Curriculum, das den jeweiligen Lehrplan abdeckt. Die Grundschule Op de Host gestaltet Schule so, dass sich jedes Kind willkommen fühlt. Aus eben diesem Bild vom Kind resultieren alle Konsequenzen für die Ausgestaltung des gesamten Unterrichts. Individualisiertes Lernen wird in Horst groß geschrieben: 196 Kinder benötigen und bekommen 196 individuelle Lernangebote.

Der Weg zur inklusiven Schule

Jedes Kind wird – so wie es ist – von der Schulgemeinschaft wertgeschätzt.

Der Weg der Schule zur Inklusion begann 2006 mit einer ersten Etablierung von individualisiertem Lernen. 2009 wurden die ersten jahrgangübergreifenden „Ü-Klassen“ eingeführt – damals zunächst nur für die ersten und zweiten Jahrgänge. 2010 folgte dann der Übergang zum jahrgangsübergreifenden Angebot1 bis 4 in allen Klassen. Heute arbeiten 13 Lehrkräfte, eine Schulsozialarbeiterin und eine Schulassistentin an der Schule und kümmern sich um 196 Kinder in 8 jahrgangsübergreifenden Ü-Klassen 1 bis 4.

Welche Haltung steckt in dem Unterrichtskonzept?

Aus tiefster Überzeugung gestalten die Lehrkräfte die Schule so, dass sich jedes Kind bei ihnen willkommen fühlt. Jedes Kind spürt, dass es – so wie es ist – von der Schulgemeinschaft wertgeschätzt wird.

„Du bist gut, so wie du bist.“

In der Grundschule Op de Host erlebt sich jedes Kind als Könner und erfährt Bestätigung. Die Schule und der Unterricht sollen für die Kinder vollkommen angstfrei ablaufen – sie sollen gern zur Schule gehen und eine individuelle Lernfreude entwickeln. Die wichtigste Haltung dabei ist: Vielfalt wird von allen als Bereicherung empfunden.

„Ich weiß, was kommt“: Themenübersichten

Keine Stunden- und Lehrpläne, keinerlei Noten und das ganz vollkommen jahrgangsübergreifend: Das klingt für viele Lehrkräfte erst einmal ziemlich befremdlich. Doch genau das ist das Konzept der Grundschule, das beim Kollegium, den Kindern und der Elternschaft auf breite Zustimmung und überregional auf großes Interesse trifft.

„Wir zeigen dir, was du bei uns lernen kannst – du kannst entscheiden, woran du arbeitest und wie lange du daran übst.“

Anstatt mit starren Lehrplänen, arbeitet die Schule mit Jahres- und Themenübersichten, die jedem Kind an die Hand gegeben werden. Die Jahresübersichten zeigen, was die Kinder grundsätzlich bis zum Ende des jeweiligen Schuljahres lernen können. Die Themenübersichten zeigen den Kindern detailliert und übersichtlich auf einer Seite, was das Kind mit diesem Thema alles (er)lernt. So ist das Kind ab der ersten Klasse stets informiert, wie viele und welche Themen ein Schuljahr hat und kann selbst entscheiden, wann und wie lange es an welchem Thema arbeiten möchte. Beginnt ein Kind ein neues Thema, zeigt es erst einmal, was es kann (Lernstanderhebung). Auf dieser Grundlage wird dann gemeinsam mit der Lehrkraft vereinbart, welche Aufgaben als nächstes dran sind (Üben am Plan). Entscheidend ist an der Grundschule Op de Host immer, wo jedes einzelne Kind steht – und welchen Herausforderungen es sich als nächstes stellen möchte. Die Arbeitsatmosphäre ist ruhig und konzentriert. Die Kinder entscheiden nicht nur, woran sie arbeiten, sondern auch wo im Klassenzimmer – je nachdem, welches Thema sie gerade bearbeiten und welche Art der Umgebung sie brauchen.

196 individuelle Lernangebote

Wir wissen, dass du zu uns kommst, weil du etwas lernen möchtest.

Dieser Ansatz bedeutet: Jedes Kind hat seinen eigenen Lernplan, nach dem es seine Grundschulzeit ganz individuell durchläuft: „Du kannst entscheiden, woran du arbeitest.“ Deshalb kann sich jedes Kind seine Arbeitszeit (in Deutsch und Mathematik) selbst einteilen und darf auch über längere Zeit an ein und derselben Sache arbeiten. Im Kern gilt das Motto:

„Wir wissen, dass du zu uns kommst, weil du etwas lernen möchtest.“

Diese Lernfreude möchte das Kollegium den Kindern erhalten – und das Konzept der Kompetenzorientierung macht es möglich, dass alle Kinder das Lernangebot bekommen, das sie brauchen. Und passiert es doch einmal, dass ein Kind die Lust am Lernen verliert – vielleicht aufgrund von schwierigen Erfahrungen an einer anderen Schule – dann nimmt sich das Team die Zeit, mit dem Kind gemeinsam zu überlegen, was es jetzt braucht, um wieder Spaß am Lernen zu entwickeln. Dazu gehört auch, einander zu helfen mit dem Paten-System: In Horst erhält jedes Kind die Möglichkeit, sich von anderen Hilfe zu holen und auch selbst anderen zu helfen. Denn daran wachsen die Kinder. Morgen- und Abschlusskreise, in denen die Kinder erklären und zeigen, woran sie arbeiten wollen und was sie geschafft haben, wecken das Verständnis dafür, was andere gerade beschäftigt. Auch das gehört zur gemeinsamen Sache. Noten gibt es nicht – stattdessen bekommen die Kinder präzise Rückmeldungen dazu, was sie schon alles können. Später schätzen die weiterführenden Schulen sowohl die Kompetenzen als auch die Selbstständigkeit der Kinder.

Stolpersteine auf dem Weg zur inklusiven Schule

Individuelles Lernangebot Grundschule Op de Host.

Anstatt mit starren Lehrplänen, arbeitet die Schule mit Jahres- und Themenübersichten, die jedem Kind an die Hand gegeben werden.

Ein auf Noten basierendes Schulsystem: Es ist selektiv, Zensuren beeinträchtigen die Lernmotivation der Kinder und es dient der Auslese. Zudem fordern Lehrpläne Individualisierung und gleichzeitig gleiche Leistungsanforderungen für alle Schüler*innen zum selben Zeitpunkt. Bei diesen gewichtigen Stolpersteinen liegt es nur nahe, dass ein herkömmliches Notensystem in der Grundschule Op de Host in Absprache mit der Elternschaft schon vor Jahren gänzlich abgeschafft wurde.

Ein Fazit für die inklusive Schulentwicklung gibt Frau Thurau Interessierten gern mit auf den Weg: „Man darf nicht zu schnell zu viel wollen.“ Wichtig ist bei jedem Entwicklungsschritt der Schule hin zu mehr Inklusion, sich klarzumachen, dass die Entwicklung einer inklusiven Schulkultur Zeit benötigt. Und essentiell ist die Akzeptanz: Alle an Schule Beteiligten müssen bei jedem Schritt mit im Boot sein, damit eine inklusive Schule erfolgreich wirken kann. Voraussetzungen dafür sind Kommunikation und Transparenz.

Kontakt

Grundschule Op de Host

Birkenweg 19

25358 Horst

Tel.: 04126-39790

https://gsopdehost.lernnetz.de/

 

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