Wie Demokratie funktionieren kann, lebt die gesamte Schulgemeinschaft am Evangelischen Schulzentrum Muldental bei Leipzig tagtäglich. Nicht ohne Grund hat sie für ihr Engagement den Deutschen Schulpreis bekommen.
Als bei der Preisverleihung dann doch der Name des Evangelischen Schulzentrums Muldental fiel, konnten es Justus und Lene kaum glauben. Die beiden Zehntklässler*innen waren mit einer kleinen Gruppe nach Berlin zur Verleihung des Deutschen Schulpreises gefahren. Ihre Schule hatte sich um den Sonderpreis Demokratiebildung beworben. „Dass wir unter die Top 20 kommen – ok. Aber mit einem der ersten Preise haben wir nicht gerechnet“, sagt Justus. Doch dann standen er, Lene und die anderen Schüler*innen und Lehrkräfte aus dem sächsischen Grimma tatsächlich auf der Bühne: ausgezeichnet mit dem Deutschen Schulpreis 2025 in der Kategorie Demokratiebildung. Und in Grimma beim Livestream in der Schulaula tobte der Saal.
Wie das Preisgeld verteilt wird, bestimmen alle gemeinsam
Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass sich die Schule über die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung freuen durfte. Der Preis wurde von der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der Heidehof Stiftung vergeben. Was mit dem Geld passieren soll – darüber bestimmt die gesamte Schulgemeinschaft, selbstverständlich in einem demokratischen Prozess.
Entscheidungen fällt die Schulgemeinschaft nach dem Konsent-Prinzip
Demokratie zieht sich am Evangelischen Schulzentrum Muldental als Grundhaltung durch das komplette Schulleben. Die Schülerschaft wird in so gut wie alle Entscheidungen einbezogen – sogar, wenn es zum Bespiel um die Wahl des Klassentiers geht, über das in der 5. Klasse bei Greta diskutiert wurde. „Viele waren zuerst gegen alle vorgeschlagenen Tiere“, sagt Greta. „Aber wir haben eine Lösung gefunden, mit der alle leben können.“ Drei Stunden forderte die Diskussion – das Klassentier ist jetzt der Wombat.
Viele Entscheidungen fällen die Schüler*innen nach dem soziokratischen Konsent-Prinzip. Das funktioniert so: Zunächst werden Vorschläge eingebracht und alle Meinungen angehört, damit unterschiedliche Perspektiven deutlich werden. Wenn es nötig ist, wird der ursprüngliche Vorschlag angepasst. Zur Umsetzung des Vorschlags kommt es erst, wenn kein schwerwiegender Einwand mehr besteht. Dabei ist es egal, ob es um einen neuen Pausenraum geht oder um die Frage, ob Kaugummis erlaubt sein sollen – dass die verboten sind, hat der Schülerrat übrigens nach mehreren Sitzungen beschlossen.
Entscheiden lernen, Verantwortung übernehmen
„Demokratie ist die Grundlage unserer Gesellschaft“, sagt Markus Litwa, Schulsozialarbeiter und Mitglied der erweiterten Schulleitung. „Kinder und Jugendliche müssen lernen, Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. Das ist ein zentraler Auftrag von Schule.“
Dass um demokratische Prinzipien manchmal hart gerungen werden muss, gehört dazu. „In der Schule spiegelt sich wider, was gesellschaftlich gerade passiert“, sagt Markus Litwa. Als vor ein paar Monaten rassistische Sticker auftauchten, war das natürlich Gesprächsstoff. Der Schülerrat am Runden Tisch bezog dazu klar Stellung und positionierte sich in aller Deutlichkeit gegen menschenverachtende Einstellungen: Rassistische Sticker toleriert die Schulgemeinschaft nicht. Bevor es zu dieser Entscheidung kam, wurde ein Kooperationspartner aus dem Netzwerk für Demokratie eingeladen, es wurde diskutiert, unterschiedliche Perspektiven angehört und ausgetauscht. „Jede Meinung zählt“, sagt Justus, „Demokratie zu leben heißt, auch Gegenstimmen auszuhalten.“
Wichtige Gegenstimme zu rechtspopulistischen Tendenzen
Gerade im ländlichen Raum Sachsens, in dem die AfD immer mehr Anhänger gewinnt, ist das wichtig, besonders für eine Schule in evangelischer Trägerschaft. Viele Mitarbeitende und Lehrkräfte, aber auch Eltern engagieren sich außerhalb der Schule in Initiativen wie „Grimma zeigt Kante“. Demokratie endet eben nicht an der Schultür.
Die Stärken aller Kinder fördern
Neben der Demokratiebildung prägt vor allem der Gedanke die Schule, Vielfalt als Stärke zu begreifen. „Wir wollen die Stärken aller Kinder fördern“, sagt Claudia Leipold, pädagogische Schulleiterin der Grundschule. „Wenn jeder und jede das einbringt, was er oder sie gerne tut, entsteht eine hohe Zufriedenheit.“
Deshalb können die Schüler*innen Wahlkurse belegen, und zum Beispiel bei den Heinzelmännchen-Hausmeisterdiensten oder dem Forscherstübchen mitmachen, eine Patenschaft für ein Tier im nahegelegenen Bio-Bauernhof übernehmen, sich im Jungs-Club oder im Mädchen-Club engagieren oder beim Fußball. „Hier“, sagt Claudia Leipold, „trainieren die Kinder besonders gerne, die sich in den sonstigen Vereinen nicht so richtig wohl fühlen.“ Weil da zu viel Druck ausgeübt wird. Oder weil ihre Aufmerksamkeitsspanne nicht ganz so lange reicht, wie es der Verein gerne hätte. „Inklusion ist für uns keine Methode, sondern eine Haltung“, so Claudia Leipold.
Der Schulpreis: Nicht nur Auszeichnung, sondern auch ein Auftrag
Der Deutsche Schulpreis ist für die Schule nichts, worauf sie sich ausruhen würde. Elena schreibt nach der Preisverleihung in Berlin: „Auf der Rückfahrt wurde uns klar, dass dieser Preis nicht nur eine Auszeichnung ist, sondern auch ein Auftrag.“ Momentan bewirbt sich die Schulgemeinschaft darum, Teil des Antidiskriminierungsnetzwerks Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage zu werden. Die Chancen stehen sehr gut – auch oder vielleicht gerade im ländlichen Bereich Sachsens.
Info

Lämmchen streicheln, Schweine beobachten und nebenbei ganz viel über Tiere lernen bei der Werkstatt „Biobauernhof“.
Das Evangelische Schulzentrum Muldental im sächsischen Grimma besteht seit 1999. Von einer Elterninitiative zunächst als Grundschule gegründet, wurde die Schule 2007 zur Oberschule und 2010 zum Gymnasium erweitert. Träger der Schule ist ein Trägerverein mit über 400 Mitgliedern. Die Schulstiftung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens vertritt die Schule in rechtlichen und bildungspolitischen Fragen. Die Schüler*innen der Grundschule lernen jahrgangsübergreifend, das pädagogische Konzept der Schule orientiert sich an verschiedenen reformpädagogischen Ansätzen. Insgesamt zählt das Evangelische Schulzentrum Muldental derzeit etwa 380 Schüler*innen.
Schwerpunkt der Schule ist Demokratiebildung. Auch auf Inklusion wird viel Wert gelegt. Wir haben die Inklusionsbereiche bereits mehrfach dank unseres Programms Umbau inklusive gefördert, das unter anderem den Bau eines Pflegebades, die Umgestaltung eines Gruppenraumes und die Installation eines multisensorischen Stimulations- und Ruheraumes ermöglich hat.
Text: Christiane Bertelsmann, Fotos: Martin Kirchner
Evangelisches Schulzentrum Muldental – Offen für Kinder und Jugendliche aller Schulformen
Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
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