Frau vor Hochleistungs-IT-Rechner. Foto: Martin Kirchner

Birte Platow, Professorin an der Uni Dresden, wird gemeinsam mit zwei Hochschulprofessoren sechs Werkstätten des Schulentwicklungsprogramms „AI-Literacy für Kollegien an evangelischen Schulen“ inhaltlich verantworten. Im Interview erklärt sie, welchen Einfluss Künstliche Intelligenz auf unser Menschenbild und auf den schulischen Alltag hat – und welche Verpflichtung das für die Lehrkräfte mit sich bringt.

Sie sind Professorin für Religionspädagogik. Warum forschen Sie zu „Theologie und KI“? Auf den ersten Blick hat das wenig miteinander zu tun…

Vier Menschen stehen im Kreis und unterhalten sich. Im Hintergrund viele Rohre und Leitungen. Foto: Martin Kirchner

Prof. Dr. Birte Platow forscht mit ihrem Team an der TU Dresden zu „Theologie und KI“.

Als Theologin interessiert mich, wie Menschen sich fühlen, wenn sie mit Systemen Künstlicher Intelligenz zu tun haben. Auch wenn wir schon längst säkular leben, baut unser gesamtes Kultur-, Bildungs- Wissenschafts- und Wirtschaftssystem auf Menschenbildern auf, die im Ursprung jüdisch-christlich sind. Die Vorstellung, dass der Mensch einzigartig ist, dient dabei als wichtige Hintergrundfolie. Und genau dies verändert sich durch die Nutzung von KI. Zum einen kann das bewirken, dass Manche denken: Jetzt werde ich alles wissen und alles können, ich bin zu Gottes Ebenbild berufen und mit KI löse ich das ein. Andere haben aber genau den gegenteiligen Reflex.

Welche Rolle spielt KI aktuell in der schulischen Bildung?

Viele gehen davon aus, dass wir dank KI neue, tutorielle, selbstlernende Systeme haben, die Schüler*innen genau vermessen und uns auf der Basis von Daten neue Einsichten geben, wie wir bestmöglich jeden oder jede einzelne fördern können. Das stimmt – was aber nicht ausreichend in den Blick kommt, ist, dass sich dadurch das ganze System verändert, auch die Wahrnehmung des Lehrerberufs und des dahinterstehenden Menschenbilds.

Für manches in der Schule funktionieren die neuen Technologien sehr gut: für alle regelgeleiteten Fächer wie Mathe, Naturwissenschaften, auch für Sprachen. Für andere Fächer, die konzeptgeleitet sind, zum Beispiel Musik, Kunst, Sport, aber auch Religion, Philosophie, funktioniert das nicht. Das könnte Schule in einer systemischen Perspektive verändern.

Was heißt das für die Zukunft?

Zwei Jugendliche gehen über einen Innenhof mit einer futuristischen, gelben Skulptur. Foto: Martin Kirchner

KI verändert unser Schulsystem, auch die Wahrnehmung des dahinterstehenden Menschenbildes.

Im Moment fragen wir, was hat KI für ein Potenzial und wie können wir sie damit in die Schule einfügen. Doch eigentlich sollten wir fragen, was macht das mit Schule, mit dem Schulleben, mit Gemeinschaft, wie wollen wir das erhalten? Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, einfach nur in einzelnen Fächern Optimierung zu betreiben oder nur technische Fragen zu klären wie etwa: welches Sprachmodell ist am besten? Oder: Wie machen wir es mit dem Datenschutz? Das ist alles wichtig, aber an Schulentwicklung vorbei.

Welches Potenzial hat KI speziell für Schulen in evangelischer Trägerschaft?

Evangelische Schulen haben sich immer als ein Teil eines gesellschaftlichen Systems verstanden. Ich würde mir wünschen, dass sie diese Perspektive ganz radikal erweitern, indem sie fragen: Wie können wir als besondere Orte von Bildung auf eine Gesellschaft blicken, die sich unter dem Einfluss von KI verändert?

Welche Voraussetzungen braucht ein Schulsystem bei der Nutzung von KI auf den verschiedenen Ebenen?

Auf Organisationsebene sollten wir Rahmenbedingungen schaffen, in denen man KI gut nutzen kann, zum Beispiel indem man sich loslöst von Zeitschema, von Raumschema, vielleicht auch von festen Gruppen zu jeder Zeit. Das können evangelische Schulen ja schon ganz gut. Oder indem wir Anteile von Lernen an KI abgeben, wo das gut möglich ist – etwa im Bereich Faktenwissen oder beim individuellen Förderbedarf. Das ist auch im Inklusionsbereich sehr interessant. Lehrkräfte müssen hierfür anders ausgebildet werden. Und wir sollten die Eltern mit ins Boot nehmen, über die Schulgrenzen hinausdenken und die Schule als Gemeinschaft begreifen.

Was dürfen Teilnehmenden des Schulentwicklungsprogramms der Evangelischen Schulstiftung in der EKD von Ihnen als Input erwarten?

Lächelnde Frau steht neben einer blauen Wand. Im Hintergrund gelbe Kacheln. Foto: Martin Kirchner

Beschäftigt sich intensiv mit ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung: Prof. Dr. Birte Platow.

Als Theologin möchte ich vor dem Hintergrund, was KI in unser Leben reinbringt, zeigen, was für ein Pfund wir schon in der Hand haben und das für Schulen durchbuchstabieren. Dafür muss ich die teilnehmenden Schulen erst kennenlernen und zuhören, was macht eigentlich eure Schule aus. Und das zweite ist, ich würde gerne diese mutige Schulentwicklung befördern, die eben nicht nur fragt, was machen wir in unserer Schule, wie bauen wir es ein, sondern diese umgedrehte Perspektive mit der Frage, wie wir als ganze Schule und auch außerschulisch darauf reagieren können.

Was haben Sie den Skeptiker*innen mitzugeben, die fürchten, durch KI würde die Fähigkeit, selbst zu denken, verloren gehen?

Ich verstehe diese Bedenken. Die pragmatische Antwort darauf ist, setzt euch besser damit auseinander, weil es kommt, ob du willst oder nicht. Wir können uns vor dieser Entwicklung nicht verschließen. Unser Bildungsauftrag ist es, Kinder für diese Welt vorzubereiten und alles Potenzial, was ich für sie entfalten kann, zu nutzen. Kinder kommen in eine Welt, die sich durch KI verändert und bis sie dort ankommen, noch stärker verändert sein wird. Was wären wir denn für eine Schule, wenn wir das nicht ernst nehmen würden?

Zur Person

Prof. Dr. Birte Platow ist Theologin und seit März 2020 Professorin für evangelische Religionspädagogik am Institut für Evangelische Theologie der Technischen Universität Dresden. Birte Platow beschäftigt sich intensiv mit den ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung. Sie ist Vorstandsmitglied im ScaDS.AI (Center for Scalable Data Analytics and Artificial Intelligence) Dresden/Leipzig und leitet dort den interdisziplinären Forschungsbereich Responsible AI.

 

Text: Christiane Bertelsmann, Bilder: Martin Kirchner

ScaDS.AI Dresden/Leipzig

Technische Universität Dresden — TU Dresden

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